22.09.2018 -
Mittwoch, 04. März 2015 18:30

Bilder richtig aufhängen – Tipps und Tricks

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Der deutsche Komiker Loriot betritt in einem seiner legendären Sketche ein Wohnzimmer. Er hat Wartezeit, sieht sich um. Sein Blick fällt auf ein Gemälde. Es hängt schief.


Sie sind spätestens in dem Moment ein Künstler, wenn Sie beginnen, Ihre vier Wände mit Bildern zu dekorieren. (Bild: © Iakov Filimonov – shutterstock.com)


Nicht viel, aber schief hängt es. Also schiebt er es gerade. Nun hinkt es auf der anderen Seite. Erneutes Geraderücken. Erneutes Schiefhängen. Loriot gerät in Rage. So ein Schinken in Öl muss doch zu nivellieren sein! Er stösst in seinem Eifer die Stehlampe um. Beim Versuch, sie aufzustellen, gerät ein Accessoire ins Trudeln. Das Bild an der Wand feixt. Und die Einrichtungsgegenstände stürzen. Das Ende vom Lied: Der verspätete Gastgeber empfängt den Saubermann Loriot in einem vollkommenen Chaos.

Wasserwaage allein hilft nicht weiter

Jene tragikomische Szene hätte sich auch in der Schweiz ereignen können. Genug Eidgenossen besitzen die ererbte Wasserwaage im Blick: Abweichungen von der Horizontalen werden nicht hingenommen. Wenn es einzig und allein darum ginge, Fotos und Gemälde gerade an die Wand zu hängen, müsste für diese Mitbürger keine Gestaltungsanleitung für die Privatgalerie geschrieben werden. Aber das ABC der kunstvollen Hängung ist etwas umfangreicher.

Solist

Was Loriot mühevoll zur Ordnung rufen wollte, ist ein Solist. Im Umfeld der Bilderhängung sprechen wir von einem Solisten, wenn das Gemälde, der Druck, das Foto allein die Wand beherrscht. Solisten sind im Orchester die besten Musiker – auch an der Wand dürfen nur perfekt arrangierte Bilder einen solchen Alleingang wagen. Umfeld, Rahmen und Bildqualität müssen stimmen. Und hängen Sie den Solisten gerade auf!

Reihenhängung

Über einer Reihenhängung hätte der Ordnungsberserker Loriot den Verstand verloren. Die Reihenhängung präsentiert Bilder wie die berühmten Perlen an der Schnur oder wie Tafelschokolade in einem Riegel. Wenn Sie unterschiedlich grosse Werke auf Reihe hängen, haben Sie drei Möglichkeiten: 1. Sie wählen die Oberkante zum Bezugspunkt; 2. Sie wählen die Unterkante; 3. Sie legen eine gedachte Mittellinie fest. Bevor Sie die Wand mit der Bohrmaschine perforieren, probieren Sie am Boden die Wirkungsmöglichkeiten aus.

Rasterhängung

Die Rasterhängung ist die Steigerung der Reihenhängung in die Höhere Mathematik. Senkrecht und horizontal hängt das Bilderensemble im gleichen Abstand zueinander: eine Aufgabe für Bohr- und Wasserwaagenprofis. Verwenden Sie möglichst gleiche Rahmen für die Rasterhängung. Ein perfekt installiertes Ensemble belohnt Sie durch Gleichmass und Harmonie. Wenn Sie mutig sind, können Sie die Bilderzusammenstellung damit in Kontrast setzen.

Triptychon

Das Triptychon ist ein Produkt des Malers oder Fotografen, nicht des Raumdekorateurs. Schon in der frühen religiösen Malerei wurden die dargestellten Bibelszenen oft auf ein Hauptbild und zwei Seitenflügel verteilt. Ein berühmtes Beispiel aus der Klassischen Moderne sind die Triptychen des deutschen Malers Max Beckmann. Ein Triptychon muss so gehängt werden, dass an der Wand ein geschlossenes Gesamtbild entsteht. Triptychen eignen sich zur Panoramadarstellung und für Bildgeschichten.

Symmetrische Hängung

Die symmetrische Hängung spielt mit dem Hang des Menschen zum Gleichmass. Sie brauchen mindestens drei Rahmen, von denen zwei das gleiche Format haben sollten. Jetzt legen Sie die Spiegelachse fest: Jene gedachte Linie, die Ihr Werk in zwei kongruente Hälften teilt. Hört sich nach angewandter Mathematik an und ist es auch. Sorgfältige Messungen und Bohrungen sind Voraussetzungen für den Erfolg. Die symmetrische Hängung schenkt Ihren Augen einen wunderbar ausgeglichenen Ruhepunkt. Übrigens empfiehlt es sich auch in diesem Fall, zuerst "Bodenübungen" durchzuführen, um die gewünschte Symmetrie zu finden, in der die Bilder an die Wand kommen.

Petersburger Hängung

Jetzt kommen endlich die Tipps für alle, die ein Problem mit ordentlichen Horizontalen und Vertikalen haben. Töchter und Söhne des Chaos: Die Petersburger Hängung wird euch gefallen. In der Eremitage jener Stadt hatte man Bilder en masse und Lust, sie zu zeigen. Also: Ran an die Wand, was in den Depots schlummert, kunterbunt, in wilder Rahmenvielfalt und gerne auch schief. Loriot hätte einen Kreislaufkollaps bekommen.

Inside-the-Lines und Collage

Inside-the-Lines ist kein Frank-Sinatra-Song, sondern eine domestizierte Petersburger Hängung. Farben, Formen, Stile, Motive und Rahmen werden üppig gemischt, umschreiben als Gesamtbild aber eine festgelegte Form: Einen Kreis, ein Oval, ein Rechteck. Nicht zu verwechseln mit der Collage, bei der eng neben- und ineinandergeschachtelte Einzelbilder, evtl. auf einer Trägerplatte, ein Gesamtkunstwerk ergeben.

Bilderleisten

Dann gibt es noch die Bilderleisten: Eine Erfindung, die von dem bereits mehrfach erwähnten grössten deutschen Komiker des 20. Jahrhunderts selbst hätte gemacht werden können. Die Bilderleiste ist sozusagen ein Regal zum Abstellen von Kunst: Die Gemälde, Drucke, Fotos und kleinen Objekte können nagellos beliebig umdekoriert und ausgetauscht werden. Und vorausgesetzt, die Leiste wurde wasserwaagengerade angebracht, steht jedes Bild perfekt horizontal. Loriot wäre begeistert gewesen.



Grundsätze

Ob eigene Werke oder fremde: Sie sind spätestens in dem Moment ein Künstler, wenn Sie beginnen, Ihre vier Wände mit Bildern, Fotos und Drucken zu dekorieren. Dieses Kompendium hat Ihnen einen Überblick über Ihr Waffenarsenal verschafft – jetzt nutzen Sie es! Denken Sie quer, behalten Sie die Gesamtwirkung im Blick und vertrauen Sie auf Ihre Intuition. Bilder arrangieren ist wie Malen und kann jede Menge Spass machen – Ihnen und Ihren künftigen Besuchern.

 

Bild oben links: © taviphoto – shutterstock.com

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