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Mittwoch, 06. Mai 2015 18:09

Von der sicheren Lücke

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Uns allen ist bewusst, dass das Leben schneller geworden ist – die Abstände zwischen fahrenden Autos und zwischen bedeutenden Lebensereignissen auch. Und ersteres hängt mit letzterem wohl auch eng zusammen. Je schneller unser Leben im allgemeinen pulsiert, desto weniger wissen wir die sichere Lücke, sprich den komfortablen Sicherheitsabstand zu schätzen.


Der Sicherheitsabstand ist mindestens die halbe Tachogeschwindigkeit in Metern. (Bild: © Ditty_about_summer – shutterstock.com)


In der Fahrausbildung haben wir es alle gelernt, im mobilen Alltag verdrängen wir den notwendigen und vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden gern mit dem Blech unserer eigenen Karosse. Die Physik scheint ausgehebelt wo Schnelligkeit, der Spass am Fahren und die tägliche Eile den Rhythmus bestimmen. Und manchmal ist es einfach auch nur das Schwimmen im Strom oder die Unterschätzung des Raumes, die uns zu Abstandsmuffeln werden lässt.

Eigener Abstand als Sicherheit der anderen

So ganz kann ich mich beim Thema Sicherheitsabstand doch nicht nur auf das Autofahren beschränken. Ein gewisser Abstand tut immer gut, in der Begegnung mit Fremden sowieso, im Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Angestellten ohnehin und im objektiven Betrachten der Dinge, wie sie nun einmal sind oder wie ich sie gern hätte, in jedem Fall.

Kehren wir aber gelassen auf den automobilen Verkehr zurück und schauen wir, was der Sicherheitsabstand bringt. Zuerst bringt er Zeit. Zeit zum Reagieren, zum Bremsen, zum Anhalten oder zum Ausweichen. Andererseits bringt er Lücken, die das Leben schliesst. Zum einen kommen da die chaotischen Drängler, die sich in meinen Sicherheitsabstand einordnen, zum anderen die Dauerhuper, denen meine Lücke zum Vordermann zu weit erscheint. Und da sind auch immer wieder noch ein paar Fussgänger die glauben, mein Sicherheitsabstand sei ihre Lücke zum Überqueren der Fahrbahn.

Irgendwie ist mein Abstand immer die tatsächliche oder vermeintliche Sicherheit der anderen. Vielleicht soll das ja so sein.

Den Tatsachen ins Auge schauen

Irgendwann habe ich gelernt, der Sicherheitsabstand sei mindestens die halbe Tachogeschwindigkeit in Metern. Brummel ich also mit Tempo 30 durch Basels Innenstadt, dann darf, muss oder soll ich satte 15 Meter Abstand zum Vorausfahrenden halten. Das sind gemessen an meinem Fahrzeug mindestens drei Fahrzeuglängen, am Smart gemessen sogar fünf. Gehe ich blauäugig davon aus, dass sich jeder Autofahrer an diese Grundregel hält, dürften also auf 100 Meter Basler Innenstadt gerade einmal 5 Fahrzeuge bei Tempo 30 unterwegs sein. In der Realität zähle ich jedoch mindestens und auch nur an entspannten Tagen die doppelte Anzahl. Alles Verkehrsrowdys und Gesetzesbrecher?

Mitnichten. Unser Leben hat sich längst einem anderen Tempo angepasst und nimmt dabei wenig Rücksicht auf physikalische Gesetzmässigkeiten. Selbst bei Tempo 120 entdecke ich bei gleichmässig dichtem Verkehr kaum eine Lücke von 60(!) Metern geringstem Sicherheitsabstand. Schon deshalb nicht, weil sich just in diese Lücke mindestens ein Zeitgenosse drängelt.


Bei der von den Fahrzeugen auf dem Bild gefahrenen Geschwindigkeit wäre der Sicherheitsabstand mindestens 40 m, die klar nicht erreicht werden. (Bild: © btr, Wikimedia, CC)


Vom Sinn des Sicherheitsabstands

Ja, er hat und er macht Sinn. Reaktionszeit und Bremsweg ergeben zusammen den Anhalteweg und der sollte zumindest bei einer sicheren Bremsung nicht unterschätzt werden. Eine Gefahrenbremsung birgt ja auch noch ganz andere Potentiale, genau wie die Tatsache, dass die Reaktionszeiten nicht nur die Zeiten vom Erkennen der Gefahr bis zur adäquaten Handlung sind. Davor kommen Sekunden, in denen wir die Gefahr gar nicht wahrnehmen, weil wir vielleicht gerade einmal in den Rückspiegel nach dem Drängler hinter uns schauen. Der sitzt uns bei Tempo 100 fast schon im Kofferraum, hier passt kein Smart mehr dazwischen.

Wenn ich selbst jetzt scharf abbremse weiss ich, dass mein Nachfolger mich doch überholt. Eben soweit es geht durch meinen eigenen Wagen hindurch. Dabei wird er mich auch noch ein gutes Stück nach vorn katapultieren, so dass selbst mein vernünftiger Sicherheitsabstand schrumpft und schrumpft, bis es dann endlich noch einmal knallt. Und dieses Mal bin ich der, welcher vermeintlicherweise seinen Anhalteweg, sprich Sicherheitsabstand deutlich zu kurz eingeschätzt hätte.

Sinnvoll wäre es schon, einen deutlichen Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden generell einzuhalten, machbar ist das hingegen so gut wie nie.



Unterschätze Geschwindigkeiten

Und das nicht nur im Verkehr. Selbst die Geschwindigkeit, mit der wir am Leben vorbeirauschen nehmen wir besonders in jungen Jahren gar nicht war. Erst mit einer gewissen Reife erkennen wir, dass das Leben keine Rücksicht auf Tempo nimmt. Auch hier wäre ein Sicherheitsabstand zum Voraus(in-die-Grube)fahrenden wünschenswert, aber kaum umsetzbar.

Bleibt uns der Sicherheitsabstand im fliessenden Verkehr. Den sollten wir dringlichst nutzen. Nicht nur, um Unfallgefahren zu verringern, sondern vielleicht auch, um die Schnelllebigkeit unserer Zeit zumindest im Verkehrsgeschehen doch etwas zu entschleunigen oder vielleicht sogar auszubremsen. Dem Tempo tut das keinen Abbruch. Dass ich bei Tempo 30 mit 15 Metern Abstand genauso 30 fahre, wie mit drei Metern Abstand ist logisch. Aber darauf muss man erst einmal kommen.

Nutzen Sie vielleicht einmal das kommende Wochenende und probieren Sie sich einmal im korrekten Abstandsfahren. Eine interessante Übung, bei der Sie empfinden können, wie angenehm und wenig stressend doch der richtige Abstand sein kann. Nicht nur im Verkehr.

 

Bild oben links: Government of Colombia, Wikimedia, public domain

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