25.10.2020 -
Donnerstag, 18. Juni 2015 11:41

Das Jüdische Museum in Berlin - Ein Ort der Erinnerung

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ShalechetZweifelsohne gehört das Jüdische Museum in Berlin zu den bemerkenswertesten Einrichtungen in der ohnehin schon herausragenden Museumslandschaft der deutschen Hauptstadt. In einzigartiger Weise beleuchtet es die wechselvolle Geschichte der Juden in Deutschland. Der Museumsbau ist gleichzeitig einer der jüngsten in Berlin. Erst kurz nach der Jahrtausendwende wurde er eröffnet.


Er bildet ein Beispiel symbolgeladener moderner Architektur und steht in starkem Kontrast zu vielen anderen von Barock, Klassizismus und Historismus geprägten Berliner Museen, wie sie zum Beispiel auf der Museumsinselzu finden sind –ein Bau, der Eindruck hinterlässt.

"Zwischen den Linien" gebaut

Jüdische Geschichte und Kultur in Deutschland werden heute zwangsläufig unter der Perspektive der jüngsten Vergangenheit gesehen. Nationalsozialismus und Holocaust bedeuteten fast die vollständige Vernichtung. Diese Blickrichtung ist sicher notwendig und nachvollziehbar, aber auch verengend. Denn das Judentum auf dem Boden des heutigen Deutschland besteht seit über 1700 Jahren. Immer waren die Juden dabei eine gefährdete Minderheit, Zeiten der Duldung und des friedlichen Zusammenlebens wechselten sich mit Phasen der Bedrückung und Verfolgung ab. Blühende Gemeinden und Wohlstand gehören daher ebenso zur jüdischen Geschichte in Deutschland wie Ausgrenzung, Vertreibung und Enteignung.


Libeskind nannte sein Architektur-Projekt “Zwischen den Linien”.

Libeskind nannte sein Architektur-Projekt “Zwischen den Linien”. (Bild: Wojtek Gurak - Flickr - CC)


Diese Zerrissenheit, die zahlreichen Umbrüche und Wechselfälle spiegeln sich in dem Bau des weltbekannten Museumsarchitekten Daniel Libeskind wider. Es handelt sich um eine eigenwillige Zickzack-Architektur mit zahlreichen spitzen Winkeln, durchbrochenen Linien, schiefen Böden und ungewöhnlichen Fensterformaten. Grosse Teile der Aussenfassade präsentieren sich dem Besucher in einer grauen Titan-Zink-Verkleidung, die ebenfalls vielfach durchbrochen ist und unwirtlich wirkt. Libeskind selbst nannte sein Architektur-Projekt "Zwischen den Linien". Der Bau-Grundriss orientiert sich gedanklich an einer in Fragmente zersplitterten geraden Linie und einer gewundenen, quasi ins Unendliche weisenden Linie. Aus der Spannung, Kreuzung und Verbindung beider Linien lebt die Architektur.

Symbole für jüdische Lebenswege: drei unterirdische Achsen

Die Gegensätze werden nochdurch das unmittelbar benachbarte Gebäude des früheren preussischen Kammergerichts verstärkt. Das sogenannte Kollegienhaus wurde im 18. Jahrhundert errichtet und in typischer Barockbauweise mit geometrischem Grundriss gestaltet. Die zarten Pastelltöne des Äusseren und das rote Dach bilden auch farblich einen markanten Kontrast zum Grau des Libeskind-Baus. Beide Bauwerke stehen scheinbar isoliert und widersprüchlich nebeneinander, obwohl das Kollegienhaus ebenfalls Teil des Museumskomplexes ist. Äusserlich wirken sie vollkommen voneinander getrennt. Nur unterirdisch verbindet sie ein Gang. Auch dies ist ein symbolträchtiges Bild.

Wer den Neubau betritt, trifft zunächst auf drei schiefe unterirdische Achsen, die sich kreuzen – die "Achse der Kontinuität", die "Achse des Exils" und die "Achse des Holocaust". Sie stehen für die drei historischen Wege jüdischen Lebens in Deutschland.


Der “Garten des Exils” – eine schiefe Ebene mit 49 Betonstelen

Der “Garten des Exils” – eine schiefe Ebene mit 49 Betonstelen. (Bild: © Noppasin - Shutterstock)


Die Achse des Exils führt nach draussen in den "Garten des Exils" – eine schiefe Ebene mit 49 Betonstelen, auf denen Ölbäume – als Zeichen für Frieden und Hoffnung –stehen. Der "Gartenbesucher" , der sich zwischen den Stelen bewegt, wird durch die Anordnung der Betonsäulen und die schiefe Ebene in seinem Gleichgewichtsempfinden gestört und hat das Gefühl, auf schwankendem Grund zu stehen – ein gewollter Effekt.

Die Achse des Holocaust endet im Holocaust-Turm, einem leeren dunklen Hochraum, in den nur durch einen Spalt an der Decke Tageslicht eindringt – ein beklemmender und düsterer Ort, der sinnbildlich für die Ausweglosigkeit der Holocaust-Opfer steht. In dem ganzen Bauwerk gibt es auch mehrere sogenannte "Voids"– eingebaute, nicht begehbare, aber teilweise einsehbare Leerräume. Siesollen auf die durch Vertreibungen und Pogrome über Jahrhunderte gerissenen Lücken hinweisen.

Zweitausend Jahre Kulturgeschichte

Die Sammlungen des Jüdischen Museums widmen sich dem Leben der deutschen Juden in verschiedenen Jahrhunderten und zeigen dazu zahlreiche Bilder, Objekte, Kunstwerke und Dokumente aus diversen Epochen. Dazu gehören jeweils mehrere Tausend Gegenstände aus dem Alltagsleben, Zeremonialobjekte, angewandte Kunst, Bilder,Fotografien und Schriftstücke. Ein Schwerpunkt der Sammlungen liegt naturgemäss auf dem 19. und 20. Jahrhundert, da die meisten Stücke aus diesem Zeitraum stammen. Viele betreffen vor allem die Lebenswelt der Berliner Juden. Das Museum bemüht sich aber darum, die Sammlungen ständig zu erweitern und dabei auch andere jüdische Lebensräume in Deutschland stärker zu berücksichtigen.


Das Denkmal zur Erinnerung an den Holocaust in Berlin

Das Denkmal zur Erinnerung an den Holocaust in Berlin. (Bild: © Dominic Simpson - Flickr - CC)


Tatsächlich ist die Geschichte der Juden in Deutschland uralt. Sie beginnt bereits in der Römerzeit mit den ersten Gemeinden entlang des Rheins. Speyer, Worms und Mainz bildeten bis ins Mittelalter hinein bedeutende Zentren jüdischer Kultur. Lange verlief das Zusammenleben von Juden und Christen friedlich. Einen tiefen Einschnitt bedeutete die Ära der Kreuzzüge. Sie brachten den Gemeinden am Rhein einen ersten Sturm der Vernichtung. Pogrome gab es danach immer wieder, wenn sie auch nicht die Regel waren. Die Juden bildeten aber bis in die Neuzeit eine diskriminierte Minderheit mit eingeschränkten Rechten. Erst das Zeitalter der Aufklärung und die nachfolgende jüdische Emanzipation bewirkten eine annähernde Gleichstellung.

Grundströmungen des Antisemitismus blieben indes. Nachdem die deutschen Juden im Kaiserreich und der anschliessenden Weimarer Republik vergleichsweise weit integriert waren, bedeutete die Machtergreifung Hitlers einen dramatischen Umschwung, der in eine nie dagewesene Verfolgung und schliesslich den Holocaust mündete.

Eine Zeitreise durch die jüdische Vergangenheit bis hin zur Gegenwart

Die Ausstellung im Jüdischen Museum folgt dieser zeitlichen Entwicklung. Am Beginn stehen Zeugnisse aus der grossen Zeit der Rhein-Gemeinden und dem Mittelalter. Das Zeitalter des Barock wird am Beispiel der jüdischen Händlerin Glikl bas Judah Leib in Hamburg verdeutlicht. In der Ausstellung über das 18. Jahrhundert bilden Leben und Wirken des berühmten Philosophen Moses Mendelssohn den Mittelpunkt. Das 19. Jahrhundert zeigt die zunehmende Gleichberechtigung und wachsenden Wohlstand, während das 20. Jahrhundert notwendigerweise unter dem Eindruck der Weltkriegserfahrungen und der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik steht.Mit der Aufarbeitung der Verbrechen im Majdanek- und Auschwitzprozess befasst sich die Ausstellung für die Zeit nach 1945. Den Abschluss bildet eine Installation mit Berichten deutscher Juden über ihre Erfahrungen in der Nachkriegszeit. Ihre Aussagen stehen damit gleichzeitig für die Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland.


Das Jüdische Museum in Berlin

Das Jüdische Museum in Berlin. (Bild: © Adam Olszanski - Flickr - CC)


Ein Besuch des Museumsin Berlin ist sicher keine leichte Kost. Er bietet aber eine einzigartige Gelegenheit für eine Zeitreise durch zwei Jahrtausende aus dem Blickwinkel einer immer wieder bedrohten Minderheit. Den stärksten Eindruck hinterlassen dabei oft unscheinbare Sammlungsstücke wie Briefe, Postkarten oder alltägliche Gebrauchsgegenstände. Sie zeigen oft genug eine scheinbar normale Existenz, die mehr als einmal jäh durch schreckliche Ereignisse infrage gestellt wurde.

 

Bild oben links: © Shereen M - Flickr - CC

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